Die tür war halb offen

Die guten plätze sind immer besetzt, sagt mein gegenüber, nachdem er sich im raum umgesehen hat. Dann löffelt er etwas suppe, lehnt sich nach hinten und schaut zu mir. Es ist überall dasselbe, meint er, die fensterfront oder die nischen … immer setzen sich die leute als erstes dorthin. Übrig bleiben die tische in der mitte des raumes. Doch da wird man ja von allen gesehen. Man ist den blicken der anderen ausgesetzt. Man ist schutzlos und bekommt angst oder zumindest ein ungutes gefühl, eines, das dem der angst sehr nahe steht. Es steckt uns noch in den knochen. Eine sehr lange zeit schon. Es hat sich in unsere gene gegraben. Wir suchen überall die sicheren plätze. Wir wollen immer in sicherheit sein. Das gilt für die nahrungsaufname wie für vieles andere auch. Wir sind schutzbedürftig. Immer dann, das heißt bevor wir unsere aufmerksamkeit auf etwas anderes richten, begeben wir uns in eine sichere zone, um nicht angefallen zu werden. Es könnte sein, dass ein fremder kommt und mich in meiner eigenen freiheit beschränkt. Und weil ich, wenn ich esse oder mich um mein kind oder dinge kümmern muss, viel zu abgelenkt bin, um aufzupassen, schafft er das auch. Er macht meine welt enger. Und ich zieh mich zurück. Schließlich hab ich zu tun, kann ihn nicht abwehren, ihm sagen: Es tut mir leid, ich hab kein interesse. Ich meine, sind zu viele menschen auf zu engem raum versammelt, kommt es zu rangeleien. Deshalb setzen sich alle, wenn möglich, auch in die ecken. Dort ist es, als wär man in einer höhle. Und höhlen sind sicher, sagt er breit lächelnd, als hätte er einen guten witz erzählt.
Er ist evolutionsbiologe mit einer durchaus stark ausgeprägten affinität zur literatur. Deshalb haben seine scherze auch immer mit der geschichte, den ursächlichkeiten und dem, was dazu geschrieben steht, zu tun. Denn woher kommen wohl verhaltensweisen, die im prinzip nicht mehr benötigt werden, aber immer noch beobachtbar sind, wenn nicht aus der geschichte, einer, die in büchern festgehalten wurde. Zeit ist erst sicher, hat er mir mal gesagt, wenn man sie nachlesen kann.
Er arbeitet nur noch halbtags im institut für evolutionsbiologie. Deshalb, so er, gäbe es für ihn genug zeit, sich um die verbindung von geschichte und erzählung zu kümmern. Thomas – also mein quasikollege – ist bei allem, was er tut, die sicherheit in person. Nichts lässt ihn zweifeln. Sein wort ist nichts als die wahrheit. Die suppe schmeckt nicht, sagt er. Und in der tat, ich probiere sie und stelle fest, dass das gemüse darin leicht versalzen und dazu auch noch etwas verkocht ist. Kein wunder, wir sitzen hier ja auch in der mensa der hochschule, für die wir beide tätig sind. Hast recht, sage ich. Und thomas lehnt sich zufrieden nach hinten in die lehne seines plastikstuhls.
Weißt du, sagt er, mir ist da vor kurzem was intersessantes passiert. Ich war grad auf dem weg, die brötchen für das frühstück zu besorgen – sonntags geh ich immer in den kleinen laden, der nur zwei straßen entfernt ist. Er wird von einem älteren ehepaar geführt. Manchmal sind auch verwandte da, die den beiden helfen. Und immer liegen bücher draußen auf dem fenstersims. Meist ist es nichts besonderes, aber an diesem sonntagmorgen, sah ich das buch einer schriftstellerin, die ich zwar oft viel zu traurig aber dann wieder auch großartig finde. Manchmal ist mir das, was sie so geschrieben hat, beispiellos. Manchmal ist ihre weltsicht jedoch auch so düster, das ich nicht weiterlesen kann, das buch weglegen muss und nach draußen in den tag schau, um nicht in eine bedrückt verdunkelte stimmung zu fallen. Allerdings sind es derartige einbilcke, die uns die welt heller erscheinen lassen. Ist es nicht so? Ich meine, sind wir nur ehrlich, müssen wir uns eingestehn, dass sich die umgebung mit all ihren menschen annähernd furchtbar ausnimmt. Doch durch die beschreibung dieses wirklich unguten, verliert sich der schrecken. So auch die erzählungen dieser autorin. Ich mein, was sie da schreibt, öffnet türen, schafft durchgänge auf eine lichtung. Das wurde mir vor kurzem klar. Denn sind wir bei allem schrecken auch immer bemüht, unser leben als lebenswert zu betrachten. Was wiederum bedeutet, dass wir uns beim lesen sagen, dass es so schlimm nun auch nicht sein kann. Verstehst du? Klar … Also, mein bilck blieb auf einem kleinen band kleben. Ich griff danach, steckte ihn ein und ging in den laden. Dort bestellte ich noch vier brötchen und nahm eine milch aus dem kühlschrank. Ich erwähnte beiläufig das eingesteckte buch, bezahlte den mann hinterm tresen, verließ den kleinen laden wieder und machte mich auf den weg. Auf diesem sah ich mir das buch dann an. Leider war es kein prosawerk von ihr, sondern ein abgedrucktes hörspiel. Ja, vermutlich war mir der titel des buches deshalb auch nicht geläufig. Ich blätterte ein wenig darin herum, las zwei drei absätze quer, blätterte weiter und fand weiter hinten ein foto zwischen den seiten. Ein junges mädchen war darauf zu sehn. Ihr oberkörper war wie der kopf in richtung kamera gedreht. Man kennt solche fotos. Meist lässt man sie für bewerbungen machen. Allerdings, und das sprach dann wieder dagegen, war es schwarzweiß. Vielleicht sollte das aber auch nur die persönliche note der bewerberin unterstreichen. Doch dafür fand ich das mädchen zu jung. Gedanken um das selbstbild machen wir uns eigentlich erst, wenn wir uns selbst etwas kennen. Und das lächeln des mädchens verriet mir, dass das noch nicht der fall war. Es war nämlich viel zu gefällig – ihr lächeln, mein ich. Also eher fremdbestimmt. Sie lächelte, wie es ihr der fotograf vorgegeben hat. Ja, ich denke, es war ein von natur aus fremdgefälliges lächeln. Auch hatte sie sich einen schal umgeworfen. Der pullover, den sie trug, war dazu recht dick. Sicher wars zur zeit der aufnahme winter. Unterm strich also sicher kein bewebungsfoto. Nein. Niemand zieht sich für ein bewerbungsfoto einen dicken pulli an. Niemand trägt zum pullover dann noch einen schal. Der hintergrund der entstehung des fotos musste also ein anderer sein. Um mehr zu erfahren, drehte ich das foto um. Hinten findet sich meist der name der person, die auf dem foto zu sehen ist, manchmal ein datum, oder der stempel des fotografen, der es aufgenommen hat. Ich drehte es um und auf der rückseite fand ich den stempel des fotografen. Das bild wurde vor mehr als 30 jahren gemacht. Natürlich, dachte ich gleich. Damals war es einfach nicht üblich, farbfilme zu nutzen. Es gab ja kaum welche. Zumindest nicht hier, das heißt dort, damals, in diesem fremden, uns fremd gewordenen land, in einem, dass es seit über 25 jahren nicht mehr gibt, das untergetaucht, vom großen mehr verschlungen wurde, das mir ein bild in schwarzweiß, den etwas schleppenden, gebeugten gang der menschen damals, ihre melchancholie und traurigen gesichter zeigt. Obwohl, das gesicht des mädchens war hell. Nichts von schwermut darin. Nun, manchmal legt man von sich aus vielleicht auch etwas zu viel in ein foto hinein … Das interessante und damit kern dessen, was ich dir erzählen will, ist, dass, wie ich später herausgefunden hab, dieses bild auf ein buch aus den frühen 1980er jahren zurückgeht, welches, so meine recherche, in nur einem nachschlagewerk verzeichnet ist. Es gehört zu einer poetischen betrachtung, die in einen erzähltext von eben dieser autorin, die auf dem bild, die man heut so gut wie nicht kennt, eingebunden ist. Man sagt, es gäbe, wie bei diesem bekannten nordamerikanischen schriftsteller, nur ein einziges foto von dieser person. Und das ist dann noch nicht einmal als gesichert anzusehen. Ja, und nun rate mal, wer es, also das zweite oder sogar einzig echte dieser autorin, zufällig gefunden hat? Ich … Das foto zeigt die untergetauchte person – jedenfalls nehme ich es stark an. Nein, eigentlich bin ich nach abgleich mit dem von ihr bereits vorhandenen bild sicher, dass sie es ist. Was also hab ich getan? Ich begann zu suchen. Ich begann gleich am nächsten tag damit, zu überprüfen, ob es tatsächlich authentisch sein und ob belegt werden kann, dass sie es ist, die man da sieht. Ich ging in bibliotheken, schrieb den verlag an, der ihr buch damals herausgegeben hat. Doch leider bekam ich zur antwort, dass die einzige auflage, die dazu noch winzig ausfiel, abverkauft wurde und sich seitdem in privatbesitz befände – was meine nachforschungen erheblich verkompliziert hat. Ich fand auch nichts in den bibliotheken. Und die für das buch zuständigen zwei lektoren sind seit jahren nicht mehr am leben. Man wisse wegen fehlender unterlagen des weiteren auch schon überhaupt nicht, wie viele einzelexemplare heute noch lesbar sein könnten, sich beziehungsweise in einem brauchbaren zustand befinden. Man teilte mir jedoch mit, dass die meisten bücher in dieser unserer stadt abverkauft wurden. Deshalb annoncierte ich in einer zeitung. Leider vergeblich. Entweder schaut niemand mehr in eine solche hinein, oder das buch steht in einer kiste bei leuten im keller, die keine ahnung davon haben, wie wertvoll und wichtig es eigentlich ist. Vielleicht liegen die übriggebliebenen exemplare aber auch in den vitrinen von sammlern. Wer weiß? Auf jeden fall antwortete niemand auf meine annonce. Also besuchte ich die hiesigen vier universitäten, das heißt die jeweiligen professoren für literatur. Die meisten jedoch konnten mir nicht weiter helfen. Nur einer. Der verwies mich an einen dozenten, der sich mit der literatur dieser zeit und dieses versunkenen landes wohl auskennen soll. Er hätte, so sagte man mir, dazu ausgiebig geforscht. Vor allem die nicht konformen, die sich am rand befindlichen wären so was wie ein steckenpferd von ihm. Du kennst ihn. Es ist roland … Ach was, sagte ich. Roland? Der roland? Ja. Er könne, so schrieb er per mail, eventuell helfen. Vielleicht willst du ja mit? Ja, sicher. Ich hab ihn schon ewig nicht mehr gesehen. Du weißt, er ist ein alter freund von mir. Doch von zeit zu zeit taucht er einfach so ab. Und man hört dann monatelang nichts mehr von ihm … Sicher hat er viel zu tun. Klar. Doch er hat auch probleme im umgang mit menschen. Die wären ihm, sagte er mir mal bei einem bier, oft unerträglich. Er fühle sich in gegenwart der meisten, die ihm selbstredend zu viel sind, bedrängt und äußerst unwohl. Nur meine gegenwart mache ihm seltsamerweise nicht sehr viel aus. Denn, so sagte er mal, hätte ich das richtige sensorium. Eins für die sprache, erklärte er mir. Die meisten jedoch, auch grad die experten, könnten nur anhand von formalien, also quasi mathematisch beurteiln, ob ein text gut wär oder nicht. Er hingegen versuche stets in den text zu gelangen. Deshalb blende er das abzählverhalten der anderen aus. Er gäbe sich damit eben nicht einfach zufrieden. Er zählt nun mal keine verben und nomen, um sich den inhalt über die form zu erklären. Er wär eher so was wie ein wünschelrutengänger, der den text liest und liest und so lange wartet, bis sich in ihm etwas bewegt. Das heißt, nicht nur im text … Eine interessante herangehensweise, sag ich. Ja. Der mann ist gut – zu gut, um hier zu versauern. Im prinzip hat er hier auch überhaupt nichts verloren. Er gehört woandershin …
Wir trafen ihn in seinem büro – ein winzig keines, das am ende des flurs lag, der sich auf einer art zwischenebene befand. Die tür war halboffen. Doch thomas klopfte. Dabei ging sie etwas weiter auf. Als wir nichts hörten, schob er sie dann ganz in das zimmer. Roland war nicht zu sehen. So standen wir erst einmal ratlos herum. Nach zwei, drei minuten aber hörten wir schritte. Sie kamen von roland. Er hatte zwei becher kaffee dabei und staunte nicht schlecht, als er mich neben thomas stehen sah. Er sagte, noch auf dem flur: Das ist ja eine überraschung. Ihr beiden kennt euch? Ja, gab thomas an roland zurück. Wir leiteten vor einem jahr zu zweit einen kurs. Da ging es um literaturgeschichte, speziell um die unterschiedlichen formen des erzählens. Du weißt schon, mündliche, schriftlich fixierte erzählung und neuerdings deren dynamische verbreitung in den neuen medien – die ganz breite palette der verschiedenen formen … So lernten wir uns näher kennen. Und seitdem halten wir den kontakt … Anders als bei dir, fügte ich an, du lässt auch schon mal länger nichts von dir hören. Ja, sagte roland, die arbeit, du weißt schon. Manchmal frage ich mich, wozu eigentlich. Aber wenn ich es nicht tu … Nun, kommt rein und setzt euch erst mal … Du hast mir ja alles per mail schon geschrieben und auch das foto geschickt …
Du weißt aber schon, sprach er nach einer kurzen pause weiter, dass es nur ein und das noch nicht einmal offiziell bestätigtes foto dieser schriftstellerin gibt. Allerdings, was die gesichtszüge betrifft, gibt es da einige übereinstimmungen. Da hast du recht. Ich hab das erst selbst genau unter die lupe genommen und dann auch einem kollegen gegeben. Der wiederum kennt jemanden, der zur altersbedingten veränderung der gesichtszüge forscht. Er hat das bild also schnell durch seinen computer geschickt und festgestellt, dass es sich bei deinem foto durchaus um besagte person handeln könnte. Es müssten zwar noch einige auswertungen abgewartet werden, aber ich kann dir jetzt schon so gut wie versichern, dass sie es ist. Das heißt, dass das foto unsere autorin als etwa zwanzigjährige zeigt, plus vielleicht vier oder fünf jahre … Was für ein zufall.
Wo sagtest du, hast du ihr foto gefunden? Das war doch in einem buch. Hast du es dir mal näher angesehen? Ich meine das buch. Wann wurde es herausgegeben? Vielleicht hat sie es sich selber gekauft. Das wär dann aber schon ziemlich erstaunlich. Denn bücher dieses verlages waren damals, das heißt im land, in dem unsere autorin lebte, nicht so einfach erhältlich. Es wäre aber auch denkbar, dass sie es sich hat besorgen lassen. Eine andere möglichkeit wäre, dass es eine bekannte, eine freundin, ein freund oder liebhaber für sie gekauft hat. Schließlich sagt man ihr nach, an beiden geschlechtern interessiert gewesen zu sein. Dazu kommt, dass sie damals dreimal im deutschsprachigen ausland auf lesereise war. Warum man ihr das gestattete, kann ich mir nicht recht erklären. Immerhin galt sie nicht als sonderlich regelkonform. Allerdings kam sie zurück – jedes mal. Soviel ich weiß, gestattete man ihr in drei aufeinanderfolgenden jahren die ausreise für jeweils vier tage. Sie las ende der 1980er in drei großen städten, reiste donnerstags an und blieb bis zum sonntag. Möglicherweise hat sie es sich also auch selber gekauft …
Nun, wie auch immer, die fachwelt wird jubeln. Aber sag, hast du dir denn schon überlegt, wies weitergehen soll? Nein? Klar, wir sollten jetzt nichts überstürzen … Zunächst werden wir erst einmal auf die auswertung warten. Sollte sie es tatsächlich sein, kommt noch einiges an recherchearbeit auf uns zu. Zum glück sind wir jetzt ja zu dritt. Das wird nämlich nicht sonderlich leicht. Das kann ich euch sagen. Aber es wird sich lohnen. So viel ist sicher. Und wenn man dann noch bedenkt, dass der inhalt des buches drei männer zum gegenstand hat … Es wird immer besser …
Kennt ihr das buch überhaupt? Nein? Also, formal besteht es aus drei teilen. Da es unvollendet ist, kann nur vermutet werden auf wie viele teile es eigentlich angelegt war. Auch ist die reihenfolge nicht sicher. Wir, also der vorhin erwähnte kollege, zwei doktoranten und ich, haben vor einigen jahren ein von einem sammler zu verfügung gestelltes, dann aber leider wieder abgeholtes exemplar durchgesehen und konnten anhand bestimmter aufbaukriterien feststellen, dass ihr ehemann, der, wie es heißt, alles selbst vorlektoriert und editiert hat, mit bedacht und mit liebe zum detail vorging. Sicher wurde das manuskript dann auch noch von verlagslektoren durchgesehn. Zwei waren es, glaube ich. Jedenfalls ist die innere logik des buches schlüssig. Inhaltlich nimmt unsere autorin in ihrem werk dann eine postmoderne erzählposition ein. Mal wird aus der perspektive der ersten, mal aus der dritten person geschrieben – wobei sich die verschiedenen erzähler gegenseitig beschreiben. Was zu einigen verwirrungen führt. Ich meine, beschreibt die dritte person die erste, dann in eben der dritten person. Da weiß man bald nicht mehr, ob nun die erzählende oder beschriebene person gemeint ist. Nun, es ist in allen belangen eben ein ausnahmebuch … Der schreibstil ist knapp, aber voller erhellender bilder. Man könnte ihre schreibweise auch als lyrisch-sachlich beschreiben. Wobei ihr neben aller sachlickeit auch etwas sehr subjektives innewohnt. Ein affront gegen das damalige system. Galt so etwas doch damals stark verkürzt als formalistisch. Doch ich will euch damit nicht behelligen. Es genügt, wenn ihr wisst, dass dieses buch ein ungehobener schatz ist … Nur der unermüdlichen arbeit ihres mannes, den sie jedoch schon nach wenigen jahren verließ, ist es zu verdanken, dass ihr buch, das leider nirgends mehr erhältlich, also annähernd verschwunden ist, herausgegeben wurde. Er selbst, so hab ich erfahren, soll wohl auch schriftsteller gewesen sein. Jedoch kein besonders guter. Seine manuskripte wurden allerorten abgelehnt. Ich hab das von einer mir bekannten lektorin erfahren. Die hat vor vielen jahren allein zwei manuskripte von ihm gelesen. Und lehnte sie ab. Nun ja, sie wurden von keinem verlag angenommen. Ein buch von ihm ist jedenfalls bis heut nicht erhältlich. Wobei, einige meiner kollegen, die sich mit diesem thema beschäftigen, das heißt eigentlich gibt es nur einen, der da behauptet, er hätte aus sicherer quelle erfahren, dass das buch, das wir für das seiner ehefrau halten, von ihm sei. Also, wenn du mich fragst, liegt der kollege da falsch. Denn wie kann ein nur mittelmäßiger schreiber so etwas herausragendes schreiben?
Warten wirs ab, sagte ich. Wir sollten hier nicht wild spekulieren. Sicher, gab roland zurück. Schließlich beginnt in einer stunde mein seminar. Verbleiben wir also so, dass ihr, wie ihr zeit habt, die spuren weiterverfolgt. Ich werde erst einmal das gutachten des kollegen abwarten. Dann sehen wir weiter. Wir treffen uns in ein paar tagen. Hier, sagte thomas, nächste woche zur gleichen zeit. Dann stand er auf, gab roland die hand, sah zu mir, nickte und ging durch die tür. Auch ich erhob und verabschiedete mich, sagte zu roland: Wir telefonieren. Klar, sagte der und ging … Als auch ich im flur stand, war dieser leer. Thomas war schon verschwunden. Kein wunder, dachte ich. Er ist sicher ziemlich aufgeregt. So etwas passiert einem schließlich nicht alle tage,
Zwei tage später rief ich roland an. Ich selbst hatte nicht viel in erfahrung bringen können. Deshalb wollte ich hören, wie es um seine recherche stand. Er sagte ziemlich aufgeregt und ohne weitere begrüßung: Gut, dass du anrufst. Eigentlich wollte ich bis morgen noch warten, aber wenn du nun schon mal dran bist, kann ichs dir auch gleich jetzt schon erzählen. Der bekannte, dem ich das bild überließ, hat mir vor vielleicht einer stunde eine e-mail geschickt. In dieser steht neben vielerlei fachkauderwelsch, dass wir mit unserer vermutung richtig lagen. Sie ist es. Das heißt, zu mehr als 85%. Darüberhinaus – unser gespräch ließ mir keine ruhe – hab ich, nachdem ihr hier wart, am selben abend noch die mir bekannte lektorin angerufen. Eigentlich wollte ich sie nur fragen, ob es irgendwelche aufzeichnungen oder sonstigen schriftverkehr zwischen verlag, autorin und/oder ihrem mann gibt. Doch kam ich gar nicht dazu. Denn sie sagte mir gleich, dass sie einen kontakt herstellen konnte. Sie hat doch tatsächlich unsere autorin ausfindig gemacht. Sie ist schon unterwegs. Wir treffen uns übermorgen bei mir im büro. Gib bitte noch thomas bescheid. Wir sehen uns dann, schnaufte er ins telefon. Dann legte er auf.
Den folgenden tag war ich zu nichts zu gebrauchen. Ich ging zum arzt, ließ mich für den rest der woche krankschreiben und dachte darüber nach, ob die autorin der veröffentlichung des bildes und einer neuauflage ihres buches, die ich gleich nach dem gespräch mit roland bei einem verlag, der sich auf besonderheiten spezialisiert hat, unter dach und fach bringen konnte, zustimmen würde. Außerdem überlegte ich mir einige fragen. Zum beispiel, warum sie nichts mehr hat von sich hören lassen? Ja, das war wohl die brennendste aller möglichen fragen …
Wir trafen uns dann alle in rolands büro. Da waren thomas und roland, ich, die autorin und die lektorin, die den kontakt zu ihr hatte herstellen können. Selbst die lektorin des verlags, der sich zu einer neuauflage bereiterklärte, war mit von der partie. Wir passten alle kaum in rolands büro. Als wir dann doch alle saßen, sprach die autorin. Nun, sagte sie, ich weiß, sie sind alle gespannt. Doch ich muss sie enttäuschen. Eine wiederveöffentlichung lehne ich ab. Dazu möchte ich nicht, dass etwas von dem, was ich ihnen über das buch gleich noch erzähle, nach außen dringt. Behalten sie es bitte für sich … Also, setzte sie an. Die geschichte des buches beginnt im jahr 1980. Ich war noch sehr jung, hatte mich aber bereits in die bücher einer speziellen autorin eingelesen. Sie wissen, welche ich meine. Das bild, das sie in diesem buch gefunden haben, ist tatsächlich von mir. Ich hab es in anlehung einer figur dieser mir sehr am herz liegenden autorin machen lassen. Ich war damals nämlich verliebt. Nicht in meinen mann. Der war nach unserer heirat ja schon auch nicht mehr anwesend. Ich verleibte mich in die autorin, die das erwähnte buch verfasst hat. Es ist so gut wie unbekannt. Ich glaube, es wurde in einer auflage von 100 stück herausgegeben, und zwar von ihr selbst, im eigenverlag und dazu unter pseudonym. Ich stieß darauf, als ich in einer bibliothek saß und in ein nachschlagewerk sah, das sämtliche neuveröffentlichungen des jahres 1958 aufführte. Ich hatte bereits alle seit 1945 durch, denn ich wollte wissen, was es von besagter autorin alles so zu lesen gibt. Da stieß ich in einer randnotiz darauf, dass es diesen band gibt. Das buch war im nachschlagewerk jedoch unter dem begriff pseudo aufgeführt. Mich faszinierte das sehr. Und ich begann danach zu suchen. Ich fand ein exemplar in der schweiz, in zürich, auf einem flohmarkt. Es war nicht mal sonderlich teuer. Vermutlich dachte der verkäufer, dass es sich um – wie man heut dazu sagt – bückware handelt. Ich war schon auch recht aufgeregt. Doch versuchte ich dies nicht so zu zeigen. Ein erfahrener händler weiß ganz genau, wie er den preis ansetzen muss, wenn jemand ein buch nervös befingert. Jedenfalls, kaufte ich das buch. Und in den nächsten tagen verschlang ich es förmlich. Ich weiß gar nicht mehr so genau, wie ich dann auf die idee kam, es noch einmal zu schreiben. Nein, nicht dass wir uns falsch verstehn. Ich wollte es nicht kopieren. Es sollte eher so sein, dass ich es als sie selber noch einmal, das heißt losgelöst davon, schreiben wollte. Deshalb gab ich es weg, meiner nachbarin, und zwar mit der bitte, mich, falls sie es lesen sollte, nicht darauf anzusprechen. Sie wunderte sich zwar, doch sie willigte ein. Dann versuchte ich, mich in die richtung ihres stils zu bewegen. Jedoch als ich selbst. Dazu machte ich mir kurze skizzen, erzählskizzen, nannte ich das. Wie gesagt, ich ahmte nicht nach, ich entwickelte. Ich entwickelte meine fähigkeit zu schreiben, und zwar um das buch parallel zum bereits bestehenden noch ein zweites mal zu schreiben. Abweichungen waren also vorprogrammiert. Doch war ich gespannt darauf, was dabei herauskommen würde. Sicher, ich hatte das original weggegeben. Doch ich hatte es noch in meinem kopf. Ich dachte, mein buch wird schon zeigen, wie nah oder fern ich am bereits geschriebenen dran bin – oder dran sein werde, ist es erst fertig. So schrieb ich. Ich zog mich so an wie die figur im buch, oder wie sie meiner vorstellung nach aussah … Interessanterweise seh ich einer bekannten, jedoch auch damals schon verstorbenen autorin sehr ähnlich. Und wie es der zufall so will, sprach mich jemand in einem café darauf an. Es war ihm wohl entgangen, dass die autorin, mit der er mich verwechselte, seit jahren schon tot war. Ich meine, damals, als ich in diesem café saß. Sie starb, glaub ich, ´77. Und das war nun wirklich schon etwas her. Nun, als er aber das bild, das ich als lesezeichen nutzte, sah, bat er mich, und zwar inständig, es ihm zu überlassen. Er bettelte quasi darum. Also gab ich es ihm. Und er steckte es in ein buch. Das war von ihr. Und dann wohl das, in dem mein bild so lange zeit steckte. Nun, wie der zufall so spielt. Jedenfalls … Die arbeit an meinem eigenen buch ging gut voran. Nach ein paar monaten war ich damit auch fertig. Eigentlich war es niemals zur veröffentlichung vorgesehen. Doch mein mann, nun, er wollte mir wohl einen gefallen damit tun, gab das manuskript weiter. Er machte heimlich kopien. Die schickte er dann an verlage. Und einer davon griff sofort zu. Wie gesagt, ich wollte das nicht. Und ich will auch jetzt nichts davon wissen … In einer passage heißt es: „Geschichte und erzählung, diese zwei sind nicht voneinander zu trennen. Sie bieten sich gegenseitig ein versteck, sind sich schutzraum, sicherheit. Sie bedingen einander, schreiben sich durch die andere fort.“
Wenn sie mich heute fragen, ist die geschichte nicht wert, sie zu erzählen. Denn beschwört man nur geister und spuk, böse erinnerungen damit herauf. Ich will mich weder an meinen mann erinnern, noch an das, was nach der herausgabe des buches geschah …
Die autorin des eigentlichen originals schrieb mir sogar aus dem ausland. Sie schrieb, sie sei beeindruckt. Sie müsse mich kennenlernen. Mein buch stünde dem ihren so unheimlich nah. Man versuchte mich von allen seiten zu vereinnahmen, zu überreden. Es war furchbar – dieses reißen. Ich wollte nie autorin sein. Doch, da sie nun alle hier sind, ich dem ganzen nicht entkommen kann, sei gesagt, dass das schreiben des buches nur ein experiment war. Ich wollte etwas, und zwar parallel zu dem, was es schon gibt, entstehen lassen. Das beste mittel hierfür schien mir die wiederholung zu sein. Ich meine, alles erneut ansehen, wahrnehmen, durchgehn. Ein erneutes, dennoch anderes ablaufen im kopf. Ein gedankenexperiment. In jedem detail hält sich eine wahrheit versteckt. Das buch hätte sicher auch vier mal geschrieben werden können. Jedes mal hätte sich die wahrheit daran angepasst. Was wieder nur heißt, dass jedes buch eine eigene hat. Selbst wenn man es wiederholt und noch einmal schreibt. Es ist nun mal so, die wiederholung macht platz. Sie räumt auf. Und sie räumt aus, sie schafft räume, befreit … Jede erzählung, auch jene, die sich wiederholt oder ähnlich abläuft, wie eine bereits gewesene, eine, die sich parallel dazu hinauf- oder aber abwärtsdreht, ist geschichte. Ihre struktur ist in sich logisch. Ich teile sie ein. Ich baue sie auf. Ich idealisiere geschichte. Was dann bedeutet, dass ich die geschichte erträglicher mache. Geschichte ist also erzählung. Eine folgt auf eine andere. Insgesamt ist sie so was wie regulation. Geschichte-erzählen ist wie erziehung … ist bildung, bildende kunst, nicht enden wollendes tun, handanlegen, bauen, bewegen. Ein stein auf den nächsten … ist statik, ballance, architektur, arbeit … Meine war die beantwortung der frage nach der urheberschaft. Das heißt, wenn es im prinzip nur eine einzige gibt, die es zu erzählen gilt, warum sollte es dann nicht machbar sein, diese noch einmal zu schreiben, und zwar unabhängig von der person, die sie für sich bereits abgeschlossen hat? … Höre ich einen einwand? Nein? Das dachte ich mir. Denn auch das, was hier grad eben passiert ist, was sie von mir hörten, wurde irgendwo längst aufgeschrieben … Wir sind doch alle figuren ein und derselben erzählung, sagt sie, steht auf und verlässt wortlos rolands büro.

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Lyrik 6

der mond ist fast voll

morgenrot taumelt

an seiner seite

 

reif rauht am gras

grau schlierts an leuchten

nebelumringt

 

straßen glitzern gehwege an

laufen auf

eis gegen atem

 

 

 

 

wir fallen wie wolken

abschlägig beschieden

vom himmel

ins meer der zuvielen

 

des alltags natürlich

und nachts

schlägt der regen

schaumblasen ab

 

 

 

Lyrik 5

heiß oder eis kalte wüsten

regionen stacheln müde die dünen

schattensonnen im strahlenaufgang

 

dunkel brechen rippenringe

und kämme zapfen vom dach

taut seil lange messer ritzen den sand

 

wandert wunder wohin stauben hier hügel

so hoch häuser türmen die straßen

schluchten wenns heiß

 

 

 

 

das was da feld

grau aus augen

wird schneiden

und fruchen ein

füllen den fluss

lauf jetzt rasch

wieder los

oder ab

lass die sonne

fährt unter die haut

schicht bricht moos

summt der der weizen

wächst wild da

aufs korn tropft

die blume

 

 

 

 

abfall frisst sonne

schwert regen

stürzt nieder

lauthals singt dreck

auf die halden

 

endlos knien knochen

auf polymere verteilt

schultert auf dauer

knie tiefer last

 

in die sümpfe

schrammt stimme

wächst wertstoff durch rasen

ins meer sonnt sich haut

reißt auf inseln

geht ein

 

 

 

 

Lyrik 4

macht neu mir das grauen

nicht zu bunt

den regen zu schnee

taut vom kopf auf die füße

 

brecht ab euch

friert ein in die sonne

tagt über der zeit

strickt licht in ein rot

 

am horizont kentert ein boot

und schwemmt an den tag

der uns wegrutscht

im schlamm der gezeiten

 

 

 

 

der umschwung des wetters

ins hell hoch am himmel

 

gießt wasser aus schütten

die glänzenden straßen

 

schmutzt stunk den asphalt

durch dichte gewimmel

 

bäumt eisstarr gelenk

schmerzen weh wir aufsaßen

 

und haben die farben

uns ausreißen sehn

 

 

 

 

Lyrik 3

sturm

schall

kriecht

kalt

flimmer

bilder

umgeben

die zeit

eist

unter stein

schlag

das fenster

springt

wolken

wirbel

schnee

bruch

an

grenzen

da

alle wetter

scherben

davon

 

 

 

das immer wieder

kehrende

vorwärts führt

nicht selten nach dahin

von wo man los

gegangen ist kommen

auf ab

wegen dir

gehen wir

durch die felder

und wiesen

im frühtau

zu abend

den raureif

von blättern

 

 

 

Lyrik 2

es gibt da eine

die macht

die

eine andere seite

lässt mit sich machen

wir uns nichts vor: es gibt

sie die grenzen, die so sicher

sind wie eine wand, welche zwei

zimmer, eines vom anderen teilt die

insassen, im haus ohne tür leben, das

unbedacht

ist

 

besetzt

 

 

 

alles ist

ware

wunder

welt

macht

längst vergessenes

verhandelbar

irgendwann billig

zum preis eines

oder mehrerer

leben lungert

erst vor den regalen

dann wirds ein-

oder aus-

gepackt für die tonne

ins lager ver-

räumt besser auf

damit es das zeug

im über-sich-hinaus-sein

hat wieder leben

 

umschichtung

 

 

 

Lyrik 1

alle zusammengenommen

ein jeder

mensch geh doch

in eine ganz und gar andere

fremde dahin

wo landschaften blühn

wird dir das schön-scheint-die-sonne

woanders

genau

so gehts

mit hochdruckwetter weiter

durch die zeit vorwärts

stürzen die wolken

 

geschoben

 

 

 

 

laufend am wehr

oder was bewegt den wind

vorwärts ins licht

der überzeugungen vor uns

steht zukunft

scheint durch

und wieder zurück

werfen strahlen

das flussbett

ins tal

da

in grund und auch boden

wurzelt die angst

bleibt

unbezwungen

eine tiefschwarze wand

 

die wand