Statik

Manchmal habe ich das gefühl, dass alles so ist, wie es sein soll, weil ich, ja, wir alle, mit unserer anschauung bewegen, was bewegt werden kann. Das betrifft dann alles mögliche, was sowohl das einzelne als auch das gesamte mit einschließt … also all das, was wir in den blick bekommen können. Das funktioniert allerdings nur mit den augen. Ja, und mit unseren augen stellen wir alles an seinen platz. Anfangs wird dieser platz noch gesucht. Dann aber, bald, wird er gefunden. Und so sind die dinge und menschen umstellt. Alle sind hier beieinander. Das heißt, wir bilden die umstände eines einzelnen und damit gleich noch die des gesamten. Wir sind der umstand, dem der einzelne zu verdanken hat, dass alles so ist, wie es sein soll. Wir sind der grund für das ganze. Ohne uns ist nichts da.

Beim näheren hinsehen und vor allem –hören bemerkte ich allerdings – ich war gestern abend bei freunden zum essen –, dass diese feststellung nur eingeschränkt stimmt … Wir saßen am tisch und plauderten nach dem essen ein wenig. Die beiden, die mich eingeladen hatten, waren sich immer schon einig und sicher, dass das wir sowohl das einzelne als auch das ganze bestimmt. Ich widersprach nicht. Doch warf ich ein, dass dieses wir den jeweiligen freiraum verengt. Das heißt, machten alle nur das, was sie sollen, weils eben alle so machen, gäbs keine oder kaum toleranzen. Alles liefe in bestimmten, eng gesteckten räumen ab. Der vorhandene platz dürfte zudem kaum genügen, um jedem einzelnen insassen den freiraum einzuräumen, der ihm – um den frieden zu wahren – zustünde. Und wir wissen doch alle, unterschreitet man eine gewisse distanz, wird es gefährlich … Mich beschäftigen aber auch noch andere, damit in verbindung stehende fragen. Zum beispiel: Müsste in diesen räumen nicht, anstatt zu stoßen und drängen, gezogen werden? Müsste man nicht helfend zur hand gehn? Ich meine, es geht doch immer um die bewegung. Oder – wenn man so will – um den fortschritt. Warum aber bewegen dann mit zunehmender zeit eher abstoßungen, wo doch die anziehung viel logischer wär. Warum nimmt eine person, wird versucht, sie zu bewegen, meist eine abwehrhaltung ein?

Nun, weil sie den platz, den sie nach langer suche endlich eingenommen hat, verteidigen wird, sagte ich und beantwortete mir damit gleich noch jene möglichen fragen, die im anschluss hätten gestellt werden können. Es will sich ganz einfach niemand von anderen bewegen lassen … Ist das so, fragten sie mich. Na ja, sagte ich, manchmal. Ich selbst gebe zwar fast allem nur nach, aber … Nun, steht jemand zu tief einem raum, in dem er fremd, also zu gast ist, kann es nur damit enden, dass dieser gast geht. Tut er es nicht freiwillig, wird er abgeschoben. Denn jeder raum hat seine ausdehnung. Und die ist nur für eine bestimmte personenzahl zugelassen. Steht jemand auf einem platz, kann nicht noch wer auf diesem stehen … Ich stand also auf, verbeugte mich noch am tisch vor den beiden und ging.

Als ich bereits vor dem haus war, rief mir noch eine der beiden durch die tür hinterher: Was ist denn nur los? Ist irgendetwas nicht in ordnung? Doch, ja, gab ich zurück. Bald. Ich muss nur etwas warten. Bald hat alles wieder seine ordnung … Dann war ich fort, ließ sie in ihrer behausung zurück, ging zur bahn, um damit zu mir nach hause zu fahrn.

Die bahn kam, ich stieg ein und schon stoppte sie wieder. Ich stieg aus, auf den gehweg und lief bis zum bus. Als auch der an seiner endhaltestelle angekommen und ich ausgestiegen war, ging mir durch den kopf: Seltsam, ich laufe. Ja ich laufe gewissermaßen davon. Gleichzeitig geh ich zurück. Und zwar nach da, von wo ich losgegangen war – in die entgegengesetzte richtung also. Seltsam, dachte ich, schon fast bei mir und bog so wie immer, wenn ich nach hause geh, in die kleine straße ein, die da völlig verschneit, überhaupt nicht als solche zu erkennen war. Nicht eine einzige spur konnte ich sehn. Immerhin standen wie immer noch einige häuser an den seiten der straße. Nach etwa einem kilometer waren dann auch die häuser verschwunden. Weite felder breiteten sich zu beiden seiten meines weges aus. Dann kam ein waldstück. Alles lag ruhig unter dem schnee. Irgendwie aber bog sich auch alles unter ihm durch. Selbst der boden unter meinen füßen gab etwas nach. Dann sah ich das mir bekannte schild, das einen abzweig anzeigte, der bei dieser wetterlage selbstverständlich, so wie die straße, auf der ich lief, nicht deutlich erkannt werden konnte. Nur eine weiße, spurlose schneise war da zu sehn. Der ging ich nach.

Etwa einen kilometer später lichtete sich der an die straße scheinbar angewachsene wald, und ich stand vor dem haus, in dem ich wohne. Alles ist in bester ordnung, dachte ich da und ging durch die tür. Und dann … Dann sitze ich auch schon in meiner wohnung.

Ich höre einem am haus vorbeifahrenden auto zu und denke. Seltsam, denk ich, dass sich auch das verirren kann. Nun, autos werden schließlich immer noch von personen gesteuert. Und die können sich eben irren. Wer sich nicht irrt, lernt nichts dazu. Man muss sich schließlich in den vielen welten auskennen. Ordnung muss sein. Vielleicht, denke ich, irren nur deshalb so viele herum, weil sie sich erst einen überblick verschaffen müssen, um dann später zu wissen, wo ihr eigenes zuhause, ihr platz in diesem irgendwo ist. Ist dieser gefunden, lässt sich die irre person in diesem nieder. Doch er muss frei sein. Oder jemand bereits anwesendes räumt dieser person einen platz ein. Ja, alle welten gleichen sich ab, um dann ihrer ähnlichkeit wegen einer fremden freundlich und wohlwollend gegenüberzustehen, d.h. später manchmal sogar anzuhängen. Ich aber habe das haus hier leer vorgefunden. Ich weiß nicht, wem es gehört hat. Niemand kümmerte sich. Und bis heute erhebt auch niemand anspruch. Der idealfall, denk ich.

Als ich mich dann nach unten zu einem stapel zeitungen beuge, fällt mein blick auf die neben dem sofa, auf dem ich sitze, stehende wand. An ihr klebt ein käfer. Dann bewegt er sich vorwärts. Er nimmt seinen weg von links nach rechts … Noch so eine welt, denke ich, und dazu noch eine, die ich mir im gegensatz zu menschenwelten kaum vorstellen kann.

Das motorengeräusch des autos ist längst nicht mehr zu hören. Nur noch das krabbeln des käfers schwebt als ein leiser, vierteltaktiger rhythmus im raum. Vielleicht kommt es mir auch nur so vor, aber es hört sich tatsächlich so an, als träfe immer nur je ein bein auf die tapete – wirr, irr durcheinander, in zeitabständen, die unregelmäßig sind. Kein viervierteltakt, mathematisch exakt, keine gewöhnliche ordnung, denk ich, während ichs mir auf dem sofa gemütlich mache. Mir kommt dabei das, was heut nachmittag passiert ist, in den sinn. Ich denke an die beiden personen, bei denen ich war. Sie sind schon sehr lange ein paar. Zwischen den beiden schien bisher alles in ordnung gewesen zu sein. Sie sind mit den jahren, so kommt es mir vor, aneinandergewachsen, ja, sie hängen so sehr am jeweils anderen, dass ich manchmal mühe hab, sie auseinanderhalten zu können. Wenn ich mit ihnen rede, hab ich das gefühl, ich spräche mit nur einer person. Dazu fällt mir ein: Es kommt auch immer darauf an, in welchem kontext etwas gesagt wird. Ich kann zwar zu allem stellung beziehen, doch es kommt darauf an, mit wem ich mich darüber unterhalte. Ich muss immer vorsichtig sein. Kenne ich mich in bestimmten kreisen nicht aus, ist es von vorteil, zurückhaltend zu sein. Wage ich mich zu schnell nach vorne, wird das, was ich sage, da es jenen, mit denen ich mich unterhalte, vielleicht fremd vorkommt, missverstanden. So wird ein austausch unmöglich. Und ich stehe in den augen der anderen, je nachdem, was und wie es gesagt wurde, als lügner, verräter, täter oder sonst was da, vielleicht nicht einmal mehr als ein mensch …

Nun, ein augenpaar sieht eben auch immer nur das, was es will. Es beeinflusst manchmal sogar das hören, das mit dem sehen meist aber eher abgeglichen wird. Stimmt etwas mit dem hören im vergleich zum bild, das gesehen wird, nicht, nimmt man eine ablehnende haltung dazu ein. Doch hören wir uns auch einige töne zurecht. Das heißt dissonante klänge werden in das hörbild derart eingepasst, dass es im ganzen dann doch wieder stimmt. Möglicherweise denke ich nur, dass bei ihnen alles seine ordnung hat. Vielleicht will ich das auch nur. Möglicherweise hab ich nicht bemerkt, wie sie sich mit den jahren immer weiter voneinander entfernten. Es ist demnach auch gut möglich, dass sie sich längst gegensätze sind.

Dann bemerke ich wieder den käfer und denke, vielleicht läuft er von meiner in seine welt zurück. Vielleicht in die entgegengesetzte richtung. Vielleicht ist der käfer noch jung. Vielleicht ist er ein kind, ein kind, dessen eltern in der fremde wohnten, ihn dort zur welt brachten, auf dass er, ist er erst im richtigen alter, die reise antreten, sich auf den weg machen kann, ab nach hause.

Als er dort, wo die eine mauer auf die andere stößt, angekommen ist, hält er kurz an. Dann tastet er sich weiter vor, traut sich jedoch anscheinend nicht weiter zu krabbeln. Die aufeinandertreffenden wände scheinen ihm eine unüberwindliche barriere zu sein. Obwohl er kurz vor dem ziel ist, liegt die freiheit, bzw. sein zuhause, unendlich fern. Doch er kann nicht anders, als irgendwie weiter zu kriechen. Und so wagt er den schritt. Doch er fällt von der wand. Er fällt auf einen dort liegenden stapel zeitungen und strampelt, um wieder auf seine beine zu kommen. Es will ihm jedoch nicht gelingen.

Nach einer weile – es wird schon eine halbe stunde kampf gewesen sein – gibt er sich auf. Er bewegt sich nicht mehr. Und ich verliere mein interesse an ihm.

Draußen ist alles still. Und ich denke, wir sind unsere umstände. Doch wer sind wir schon, wenn ich ganz alleine bin? Bin ich es mit dem käfer? Bin ich sein umstand? Ist er dann auch meiner? Sind es die wände, belebtes, oder unbelebte gegenstände wie das haus? …

Das haus, in dem ich wohne wankt, es knarrt an allen ecken und enden. Kommt man in den flur, machen es unzählige jacken und hosen nahezu unmöglich, einen weg da durch zu finden. Hat man sich dort dann aber durchgekämpft, tritt man in eine enge und mit allerlei hausrat verstellte küche. Ein tisch steht in der mitte des raumes. Auf ihm, sowie auf den ablageflächen steht geschirr, unabgewaschen, verkrustet, teilweise schimmeln essensreste auf tellern. Fruchtfliegen schwirren im raum. Die am tisch stehenden stühle wurden seit langer zeit nicht besessen. Auf den dafür vorgesehen flächen liegen socken und wie im flur hosen und jacken. Manche sind mottenzerfressen, andere nie angezogen worden, so gut wie neu – jedoch unter staub. Links geht es ins wohnzimmer weiter. Hier liegen zeitungen verschiedener jahrgänge und teils aufgeschlagene bücher herum.

Und ich sitz auf dem sofa. Ich mach mir meine gedanken – über die dauer meines aufenthaltes hier und über die statik zum beispiel. Ich denke: Wie lange wird mein haus wohl noch stehen? Vielleicht nicht mehr lange, denk ich, steh auf und gehe nach draußen …

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Lyrik 4

auf den straßen
schwemmt
fassungslos licht
die laterne
mastet die zeit

in den köpfen
das spektrum
fächert
gedanken
verengt
helles
und dunkel

… scheint
so das werde
stimmt stille
verklingt

 

 

 

die endgültigen verlieben sich
alle paar minuten
kommen kinder
wie die zeit vergeht leben
zweifelsfrei sich selbst bewusst
mühe
los
an geist geistern geister
streuen auf wegen samt unkraut
reißt aus reise zerrt in ewigkeit dauert
das getriebene
fällt das zellwändige stürzen in den bestand

Lyrik 3

sturm
schall
kriecht
kalt
flimmer
bilder
umgeben
die zeit
eist
unter
stein
schlag
das fenster
springt
wolken
wirbel
schnee
bruch
an
grenzen
da
alle wetter
scherben
davon

 

 

 

das immer wieder
kehrende
vorwärts führt
nicht selten
nach dahin
von wo man los
gegangen ist
kommen
auf ab
wegen
dir
gehen
wir
durch
die felder
und wiesen
im frühtau
zu abend
den raureif
von blättern

 

 

Lyrik 2

 

 

es gibt da eine
die macht
die
eine andere seite
lässt mit sich machen
wir uns nichts vor: es gibt
sie die grenzen, die so sicher
sind wie eine wand, welche zwei
zimmer, eines vom anderen teilt die
insassen, im haus ohne tür leben, das
unbedacht
ist

besetzt

 

 
alles ist
ware
wunder
welt
macht
längst vergessenes
verhandelbar
irgendwann billig
zum preis eines
oder mehrerer
leben lungert
erst vor den regalen
dann wirds ein-
oder aus-
gepackt für die tonne
ins lager ver-
räumt besser auf
damit es das zeug
im über-sich-hinaus-sein
hat wieder leben

umschichtung

 

 

Lyrik 1

 

 

alle zusammengenommen
ein jeder
mensch geh doch
in eine ganz und gar andere
fremde dahin
wo landschaften blühn
wird dir das schön-scheint-die-sonne
woanders
genau
so gehts
mit hochdruckwetter weiter
durch die zeit vorwärts
stürzen die wolken

geschoben

 

 

 

laufend am wehr
oder was bewegt den wind
vorwärts ins licht
der überzeugungen vor uns
steht zukunft
scheint durch
und wieder zurück
werfen strahlen
das flussbett
ins tal
da
in grund und auch boden
wurzelt die angst
bleibt
unbezwungen
eine tiefschwarze wand

die wand